Als Künstlerin sitzt mir das KI-Thema seit Jahren im Nacken. Wie ein drohender Schatten schwebt es über jeder Linie, die ich mit dem Bleistift ziehe. Und überall ist KI-Slop. Beim Anblick jeder zweiten Werbetafel mischen sich Existenzängste mit starken Zweifeln am ästhetischen Empfinden meiner Mitmenschen. Aber es gibt Geschöpfe, die es noch wesentlich schlimmer treffen könnte als kreative Selbstständige. Geschöpfe, die keine Stimme und noch weniger Mitspracherecht in unserer Gesellschaft haben. Mit anderen Worten: nicht-menschliche Tiere. Zurzeit werden sie beim KI-Thema in der öffentlichen Diskussion größtenteils ausgespart. Dabei ist die künstliche Intelligenz auch aus ihrer Lebensrealität nicht mehr wegzudenken. Egal ob Haus-, Nutz- oder Wildtiere – KI wird auch auf ihr Leben Einfluss nehmen. Weil diese Beeinflussung droht, nicht im Sinne des Tierwohls auszufallen, möchte ich eure Aufmerksamkeit auf ein paar kritische Punkte lenken.
Da das Thema ein sehr großes ist, werde ich mich heute auf sogenannte Nutztiere fokussieren. Haus- und Wildtieren werde ich einen eigenen Blog-Post in naher Zukunft widmen.
Was macht die KI in der Landwirtschaft?
Im Bereich der Landwirtschaft wird der Einsatz von KI oder smarter Technologie auch Precision Livestock Farming genannt. Darunter versteht man den Einsatz von Sensoren, um Informationen zu betrieblicher Leistung, Gesundheit, Krankheitsverläufen, Umweltfaktoren und eben auch Tierwohl zu erhalten. Diese können in der Umgebung (z.B. Kameras), aber auch an oder im Tier angebracht werden. Man kann diese smarte Technologie außerdem einsetzen, um die Ausbreitung von Krankheiten zu untersuchen und zu verstehen. Und die erhaltenen Daten können verwendet werden, um mittels computergestützten Entscheidungsystemen gezielt in den landwirtschaftlichen Produktionsprozess einzugreifen. Menschen sind dafür dann nicht mehr nötig.
Precision Livestock Farming tut all das mit dem Versprechen, Nutztierhaltung effizienter und einfacher zu gestalten, während gleichzeitig das Tierwohl verbessert wird. Kurz: Mehr Profit und trotzdem mehr glückliche Tiere. Und tatsächlich bietet es die Möglichkeit, das Wohlergehen von Nutztieren zu steigern. Dazu muss aber der Animal Welfare-Gedanke in einem gebührenden Ausmaß in die Entwicklung und Verwendung dieser Technologie einfließen.
Was versteht man eigentlich unter Tierwohl?
Sehr knapp erklärt, kann man sagen: Tierwohl geht über die körperliche Gesundheit hinaus und schließt das mentale Wohlbefinden mit ein. Es wird erreicht, indem Tieren die Möglichkeit gegeben wird, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben und positive soziale Interaktionen zu pflegen – sowohl untereinander als auch mit menschlichen Betreuungspersonen. Stressoren werden reduziert.
Tierwohl sieht für verschiedene Interessensgruppen unterschiedlich aus
Und genau an diesem Punkt tun sich natürlich Bedenken auf. Denn die Meinung von Landwirt:innen und deren Interessenvertretungen, Wissenschafter:innen und der Öffentlichkeit darüber, wie Tierwohl aussieht, geht oft weit auseinander. Zusätzlich ist tiergerechte Haltung eine komplexe Angelegenheit, die man nicht mit wenigen Datenpunkten erfassen kann. Trotzdem werden Tierwohl-Expert:innen nur selten in die Entwicklung neuer Anwendungen eingebunden. So scheitern diese oftmals dabei, anerkannte Standards zuverlässig wiederzugeben.
Abnahme der (positiven) Interaktionen zwischen Mensch und Tier
Da computergestützte Systeme außerdem immer besser auch ohne menschliche Kontrolle funktionieren, kann man Arbeitskräfte zusehends aus der Landwirtschaft abziehen. Das Resultat sind immer weniger direkte Interaktionen zwischen Mensch und Tier. Das Fehlen von positivem (!) menschlichen Kontakt ist schon jetzt ein Problem – und steht u.a. im Verdacht, zur steigenden Unfallzahl zwischen Kuhherden und Wanderer:innen der letzten Jahre zu führen.
Profit steht über dem Wohlergehen
Precision Livestock Farming kann aber auch aktiv dafür verwendet werden, die Nutztierhaltung weiter zu intensivieren, um den Profit zu erhöhen. Durch das genaue Monitoring von Gesundheitsdaten und z.B. präziseren Medikamenteneinsatz lässt sich etwa die Bestandsdichte noch weiter hochschrauben. Man denke an Fischfarmen und Hühner in Bodenhaltung.
Kosten für Umwelt und Gesellschaft
Das Einsparen menschlicher Arbeitskräfte bedeutet in weiterer Folge einen Jobabbau – und für die Einzelperson Arbeitslosigkeit. Außerdem treibt die Verwendung von KI den Verbrauch von Energie und Bioresourcen (Trinkwasser zur Kühlung von Data-Centern, Förderung seltener Erden für Mikrochips) voran.
Chatbots verstärken unsere moralischen Befangenheiten
Es ist bekannt, dass Large Language Models wie ChatGPT Einfluss auf das Moralverständnis seiner User:innen nehmen können. Dadurch können Befangenheiten und Voreingenommenheiten verstärkt werden und der Wert, den wir Tieren gesellschaftlich beimessen, noch weiter untergraben werden. Was sich schließlich auch in unserem zukünftigen Umgang mit Tieren widerspiegeln könnte. Aber auch für unser eigenes Wohl wäre es wichtig, dass KI-Modelle Tiere als moralisch relevante Akteure erkennen und ihnen einen solchen Wert zuschreiben. Denn zurzeit wird es meist mit der niedrigeren Intelligenz von Tieren begründet, dass wir diese ausbeuten. Sie erlaubt es uns, ihren eigenen Interessen weniger Stellenwert einzuräumen. Wenn KI dieses Wertesystem übernimmt, laufen wir Gefahr, dass uns das selbst eines Tages auf den Kopf fällt. Stichwort: Artificial General Intelligence.
Was sollen wir also tun?
Industrie und Landwirtschaft müssen davon überzeugt werden, dass Tierwohl ein unabdingbares Gut ist, das nicht ausgespart oder verwässert werden darf. Der Einsatz von KI muss eine Verbesserung bringen und unter keinen Umständen eine Verschlechterung. Denn wer schon einmal einen Blick hinter die Kulissen der AMA-Werbung geworfen hat und auch nur einen Funken Empathie besitzt, weiß wie grausam die Zustände in der konventionellen und in der intensiven Tierhaltung sind. Damit sich der Einsatz von KI in der Landwirtschaft gesellschaftlich auszahlt, braucht es wissenschaftliche Belege, die eine klare Verbesserung des Tierwohls aufzeigen. Jeder einzelne, aber besonders Tierschutz-Expert:innen sind gefragt, hier nicht wegzuschauen, diese Belege einzufordern und nicht der Profitgier einzelner das Feld zu überlassen.
Quellen
Foris B, Sheng K, Dürnberger C, Oczak M and Rault J-L (2025) AI for One Welfare: the role of animal welfare scientists in developing valid and ethical AI-based welfare assessment tools. Front. Vet. Sci. 12:1645901. doi: 10.3389/fvets.2025.1645901
Marian Stamp Dawkins, Smart farming and Artificial Intelligence (AI): How can we ensure that animal welfare is a priority?, Applied Animal Behaviour Science, Volume 283, 2025, 106519, ISSN 0168-1591, https://doi.org/10.1016/j.applanim.2025.106519.
Podcast Episode: 18. März 2026, AI and Animals: A Documentary, in Animal Ethics

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