Wie wird KI die Kunst verändern? Ein Denkanstoß.

Studie für eine Kinderbuchillustration. Roboter-Posen.

KI wird aus unserem Leben nicht mehr verschwinden. Trotzdem verwende ich sie nicht, um meine Kunst zu erstellen und ich kann mir auch keine (nahe) Zukunft vorstellen, in der das passieren wird. Ich sehe schlicht keine Notwendigkeit dafür, keinen Vorteil und einige Nachteile. Welche das sind und welche Auswirkungen KI auf die bildende Kunst hat? Antworten darauf suche ich in den nächsten Zeilen.  

Die Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts löste bei vielen Kunstschaffenden Existenzängste aus. Insbesondere die Portraitmalerei bangte um ihre Daseinsberechtigung. Würden sich Kund:innen noch malen lassen, wenn es eine schnellere, mitunter auch präzisere Methode gab, Abbilder von sich zu erstellen? 

Mit der Angst vor dem Bedeutungsverlust fand sich der Realismus als Kunstströmung im Ganzen konfrontiert. Es schien einfach nicht mehr zeitgemäß, die Welt so zu malen, wie sie sich zeigt. Eine Antwort auf diesen Zwiespalt war der Impressionismus, der die Flüchtigkeit des Moments und das Zusammenspiel von Farben und Licht in den Vordergrund rückt. Ohne die Fotografie wäre er – und viele moderne Kunstrichtungen – vielleicht gar nie entstanden.

Letztlich waren die Existenzängste der Maler:innen umsonst gewesen. Tatsächlich bedeutete der Einzug der Fotografie keine Abkehr von der Portraitmalerei. Gemalte Portraits waren und blieben ein Luxusprodukt, das sich nicht alle Menschen leisten konnten. Sie konnten sich auf dieser Ebene gegenüber der Fotografie behaupten. 

Und etwas anderes passierte: die Fotografie wurde zu einem Werkzeug für Kunstschaffende, um Referenzen für ihre Werke zu erstellen. 

"Blick aus dem Arbeitszimmer" von Joseph Nicéphore Niépce - eine der ersten erhaltenen Fotografien.
Eine der ersten erhaltenen Fotografien. „Blick aus dem Arbeitszimmer“ von Joseph Nicéphore Niépce, CC-BY-4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=107219

Persönlich denke ich, dass künstliche Intelligenz eine ähnliche Rolle wie die Fotografie innerhalb der bildenden Kunst einnehmen wird. Sie wird die analoge Kunst und traditionelle Techniken nicht verdrängen. Vielleicht werden einige traditionelle Künstler:innen auf KI zurückgreifen, um ihre Referenzbilder zu erstellen. (Wie es manche schon tun.) Anders sieht es da vermutlich bei der digitalen Kunst aus. Für sie und zu einem gewissen Grad auch für Kunstdrucke stellt KI eine tatsächliche Gefahr dar – da es hier zunehmend schwieriger wird, zwischen Mensch-gemachtem und Generiertem zu unterscheiden. Vielleicht wird das zu einem Besinnen auf traditionelle Techniken – einen Trend, den man ja bereits beobachten kann – führen. 

Um KI zu lehren, eigene Bilder zu generieren, werden Unmengen an Daten aus dem Netz zusammengetragen. Bilder von Künstler:innen, die nie ihr Einverständnis dafür gegeben haben. Sie wurden dafür nie entlohnt. Und sie werden noch nicht einmal referenziert. Und sie können sich kaum dagegen wehren, da es keine geeignete Rechtsgrundlage dafür gibt.

Der Energieeinsatz für KI ist enorm. Er fällt beim Training, bei der Datenübertragung, Datenverarbeitung und bei der Datenvisualisierung an. Beispielsweise Large Language Models, wie ChatGPT verbrauchen vermutlich bei einem einzelnen Training so viel CO2 wie ein Mensch in seinem ganzen Leben.

Insbesondere Illustrator:innen und Designer:innen fürchten um ihren Job. Dabei sind es oft nicht die etablierten Künstler:innen, die Angst haben, von KI ersetzt zu werden. Die Gefahr ist eher, dass kleine Aufträge von weniger bekannten Unternehmen vermehrt an KI ausgelagert werden. Das sind jene Aufträge, die für junge Künstler:innen die Erfahrungsgrundlage schaffen, die sie auf größere Aufträge von renommierten Unternehmen vorbereitet. Ohne diese Erfahrungen werden sie – so die Sorge – selbst die Entwicklung zum Expert:innen-Status vielleicht nie schaffen. Ihr Potential nie realisieren. Dies beinhaltete auch ein moralisches und gesellschaftliches Dilemma. Sollten wir mit KI Prozesse ersetzen, die uns menschlich machen, die uns Spaß machen? Wird uns das zu einer besseren Gesellschaft machen? 

Ein Argument, das bei der KI-Kunstdebatte immer wieder angeführt wird, ist, dass KI alle Menschen zu Künstler:innen machen kann. Dass Kreativität für alle zugänglich wird. Doch das ist sie ja bereits. Alles, was man braucht, ist ein Stift, ein Blatt Papier … und Zeit! Zeit nämlich, um ein Handwerk zu lernen. Zu üben. Zu perfektionieren. Und zu einem nicht unwesentlichen Teil ergibt sich der Wert der Kunst daraus. Sowohl für die Betrachter:innen als auch für die Künstler:innen. 

KI für die Erstellung einer Zeichnung zu verwenden, ist in etwa so, als würde man einen Roboter für sich einen Marathon laufen lassen, ihm vorher eine Zeitvorgabe geben und es dann als eigene Leistung ausgeben, wenn er diese erfüllt. Wenn man hingegen selbst für den Marathon trainiert, jede Woche mehrfach die Laufschuhe schnürt und langsam und müßig über ein Jahr auf sein Ziel hinarbeitet, wird man bei Zielerreichung wesentlich stolzer sein. Gleichzeitig wird man auch feststellen, dass dieses Training etwas mit einem – mental und physisch– gemacht hat. Und genauso verhält es sich auch mit Kunst. KI als Abkürzung zu verwenden ist Selbstbetrug.

Letztlich glaube ich nicht, dass KI menschliche Kunst ersetzen wird. Vielleicht wird sie sogar einen Aufwind für traditionelle Techniken bedeuten und eine Abkehr von digitalen Techniken. Vielleicht wird sie die Wertschätzung für Menschgemachtes erhöhen. Oder neue, ungeahnte Kunstströmungen hervorbringen. Klar ist, KI-Kunst wird aus unserer Welt nicht mehr verschwinden. Um sie gesellschaftsverträglich zu machen, wären jedoch einige Schritte nötig, wie die Einwilligung und Entlohnung von Kunstschaffenden für die Verwendung ihrer Bilder, die Eindämmung des Ressourcenverbrauchs, etc.. Bis diese Schritte gesetzt sind, ist es moralisch kaum vertretbar, KI einzusetzen. Und so bleibe ich meinem Motto treu: Slow, green and human. 

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