Danger: Overload Imminent

Manchmal denke ich wehmütig an den ersten Lockdown zurück. Nachdem ich über Jahre mehr Zeit im Labor als mit dem Zeichenstift verbracht hatte, überrollte uns die Pandemie. Die Welt stand still. Es gab Kurzarbeit oder schlicht gar keine Arbeit. Zeit war plötzlich kein ultra-knappes Gut. Wir backten Brot, machten Spaziergänge im Wald bis selbst die Hunde verweigerten (zumindest mein Dackelmix blieb irgendwann nur noch stur vorm Waldeingang liegen und machte keine Anstalten, freiwillig auch nur einen Schritt in die grüne Dunkelheit zu tun). Ich hatte wieder Kapazitäten für Sachen, die mir Spaß machten und ich nutze die neu-gewonnene Freizeit, um zu zeichnen. Ich eröffnete einen Instagram-Account. Der Rest ist Geschichte. Der Illustrations-Bug ließ mich nicht mehr los und bald war das Zeichnen mehr als ein Hobby

Doch die Welt fing sich wieder zu drehen an. Immer schneller. Bevor ich es recht realisieren konnte, war ich wieder im Vollzeitarbeitsalltag angekommen. Immerhin nicht mehr im Labor. Leider aber nicht als Zeichnerin. Dieser Traum blieb jedoch als Ziel eingebrannt. So zeichnete ich vor der Arbeit und am Wochenende. Ich hörte Illustrations-Podcasts in der Mittagspause und irgendwann auch Entrepreneurship-Podcasts. Ich fand meine Illustrationsnische mit Bleistiftzeichnungen. Währenddessen verlagerte sich die Erwerbsarbeit immer mehr zurück ins Office. Mit der Anwesenheitspflicht verpuffte Zeit wieder sinnlos in Straßenbahnen, U-Bahnen und Bussen. Trotzdem hielt ich an meinem Rhythmus fest. Die letzten Jahre stand ich jeweils eine Stunde früher auf, um noch eine morgendliche Zeichensession unterzubringen, bevor mein Arbeitstag startet. Manchmal kommt noch eine weitere Zeicheneinheit am Abend hinzu. Seit einem Jahr mache ich zusätzlich eine Ausbildung zur Mediendesignerin am Wochenende, um etwas mehr kreative Glaubwürdigkeit zu erlangen.

Mit diesem Belastungsausmaß reichte meine Zeit gerade irgendwie, um kleine Kunstwerke anzufertigen und mein Portfolio zu erweitern. Doch mit Zeichnungen alleine hebt kein Illustrationsbusiness ab. Also reduzierte ich Anfang des Jahres meine Erwerbsarbeit auf 30h/Woche. Nun blieb mir ein Tag, um meinen Traum zumindest am Leben zu erhalten. Wenn auch nur in einer Art Koma. 

Seit Jahren mache ich extrem viel parallel. Nicht alles mit voller Aufmerksamkeit. Vieles nur so gut oder schlecht, dass es irgendwie reicht. An den Abenden betreibe ich Luftakrobatik. Reduziert auf das absolute Minimum, um mich auch nur ansatzweise fit zu fühlen und meine sportlichen Fähigkeiten auf einem angemessenen Niveau zu halten. Nebenbei begann ich mit der Planung meiner eigenen Hochzeit. Und so ganz beiläufig endet mein Arbeitsvertrag im Juli und eine neuerliche Jobsuche steht drohend am Horizont. 

In den letzten Jahren haben mir diverse Ärzte zur dringenden Stressreduktion geraten. Meine Migräneattacken häuften sich, ich hatte Schlafstörungen, Angstzustände, Muskelzuckungen, Ohrgeräusche, ständig Erkältungen. Aber eben auch eine Mission. Nämlich meine Liebe für Tiere, die Natur und den Umweltschutz auf ästhetisch ansprechende Weise über kleine Kunstwerke weiterzugeben

War es das wert? In meiner Arbeit stecken viel Schweiß und viele Entbehrungen. Aber ein Leben ohne Illustration wäre schlimmer. Nichts ist schöner, als nach vielen Stunden ein fertiges Bild in den Händen zu halten und zu wissen, für jemanden ein Andenken an einen treuen Begleiter geschaffen zu haben. Oder ein Kunstwerk, das bei jedem erneuten Anblick wieder Freude weckt. Oder das Wissen, dass unbekannte Menschen meine Liebe für die belebte Natur teilen. 

Und nach all den Jahren ist das Boot auch endlich bereit, ins Wasser gelassen zu werden und zu segeln. Meine Shops sind bestückt und online. Meine Website ist fertig und ich freue mich über Aufträge!

Hinterlasse einen Kommentar